Kritiken

Tod durch Auferstehung

Rechts – Links – Schmidt

Der Wiener Organist, Herausgeber und Musikwissenschaftler Michael Gailit legt ein dünnes, aber inhaltsreiches Büchlein vor, in dem einmal mehr die Hintergründe ausgeleuchtet werden, die zu Franz Schmidts Punzierung als Nazi-Komponist geführt haben. Der Stein des Anstoßes ist ja immer wieder seine Kantate „Deutsche Auferstehung“; auch die darin enthaltene Fuga solemnis ist mit dem Nazi-Vorwurf kontaminiert, obwohl sie früher und ohne Zusammenhang mit der Kantate entstanden ist.

In seiner Argumentation nimmt Gailit einen Umweg über Schmidts Oper „Fredigundis“ und die damit zusammenhängenden Stücke für Bläser und/oder Orgel, und hier liefert er eine Überraschung. Schmidt bekam zwei Anfragen nach einer festlichen Fanfare; „den so entgegengesetzten politischen Lagern lieferte er exakt das gleiche Stück.“ Die Fanfare erklang im Frühjahr 1925 zweimal an prominenter Stelle, nämlich sowohl bei einer Veranstaltung des politisch weit rechts stehenden „Alldeutschen Verbands“ als auch bei der Maifeier der Sozialdemokraten. Letztere Aufführung „blieb im Schrifttum bisher unerwähnt“, was die spätere Wahrnehmung Schmidts als angeblichen Sympathisanten der rechten Reichshälfte nicht gerade erschwert hat.

Sodann erfährt man alles Wissenswerte über die Kantate, etwa auch dass sie ihren Titel erst nach Franz Schmidts Tod bekommen hat. Die Rolle des prominenten Organisten Franz Schütz wird beleuchtet so wie auch die der anderen Zeitgenossen. Die Broschüre ist ästhetisch ansprechend gestaltet und bietet Faksimiles und Fotographien sowie eine englische Zusammenfassung.

Der Titel der Abhandlung ist doppeldeutig zu verstehen. Schmidt war bereits schwerkrank, als er dennoch und unter großem Zeitdruck an der Kantate weiterarbeitete; Gailit geht davon aus, dass dies Schmidts Ableben beschleunigt hat. Und die „Auferstehung“ war nahezu tödlich für Schmidts Ranking im Repertoire. Gegen diese bedauerliche Fehldeutung des wichtigen österreichischen komponisten ist Michael Gailits Essay eine willkommene Unterstützung.

Peter Planyavsky

Singende Kirche 2025/2

Edition Fredigundis

Hervorragend, vorbildlich

Mit der vorliegenden, drei Bände umfassenden Urtextausgabe der Variationen und Fuge über ein eigenes Thema in D-Dur für Orgel, bzw. den Königsfanfaren aus „Fredigundis“ für 14 Blechbläser und Pauken legt Herausgeber Michael Gailit die Latte für eine anspruchsvolle, zeitgemäße Editionstechnik sogleich auf ein sehr hohes Niveau. Nicht ohne Stolz wird darauf hingewiesen, dass erstmals alle Fassungen und alle Stimmen dieser Komposition Schmidts im Druck erhältlich sind. Dazu gehören in Teil 1 a / b neben dem Textteil die Orgelerstfassung von 1916, die Zweitfassung von 1924 und die Ensemblefassungen 1925/1926. Teil 2 umfasst die Dirigier- und Spielpartitur für 14 Blechbläser, optional mit Orgel und Teil 3 schließlich die Stimmen von Blechbläsern und Pauken.

Die verschiedenen Teile, bzw. Fassungen der dreiteiligen Edition sind in Ringbuchbindung ausgeführt, was ein rasches Umblättern ermöglicht. Zeitgemäß sind sämtliche Bände zudem als PDF-Versionen erhältlich. Einen hohen Wert erhält die wohldurchdachte Edition zunächst durch ihren ausführlichen Textteil im Band 1a. Nicht nur der für eine heutige gewissenhafte Edition unverzichtbare Kritische Bericht des Notentexts, sondern zudem ausführliche Hintergrundinformationen werden gegeben. Gerade Letztere sind für das Verständnis der Komposition von großer Wichtigkeit, da diese eine doch verhältnismäßig komplexe Entstehungsgeschichte aufweist. Der Herausgeber hat die Aufgabe, die doch erheblichen Unterschiede der einzelnen Fassungen prägnant darzustellen, hervorragend gemeistert.

Der in der Zwischenkriegszeit zumeist nicht unerhebliche politische Kontext wird im Hinblick auf dieses Werk ebenfalls gebührend berücksichtigt. Neben der Darstellung des Organisten Prof. Franz Schütz, welcher für die Orgelwerke Schmidts eine zentrale Rolle spielte, fehlt es nicht an der Darstellung der beiden Rieger-Orgeln in Musikverein und Konzerthaus als Orte der Uraufführungen der verschiedenen Fassungen der Komposition. Einen wahrlichen Schatz für die klangliche Realisierung auf der Orgel stellen diesbezüglich die in die Edition aufgenommenen Eintragungen von Registrierungen der Erstfassung 1916 dar, deren Herkunft wohl möglich vom Komponisten selbst stammen könnten.

Der Notentext aller Teile der Edition ist vorbildlich gestaltet. Die Wendestellen sind praktikabel angelegt. Im Druckbild entsteht niemals eine Enge oder Gedrängtheit, sodass man als Interpret noch genügend freien Platz für eigene Eintragungen zur Verfügung hat. Sicherlich ist diese Art von Musik nicht für jeden Aufführungsort geeignet, doch ist es höchst erfreulich, mit welcher Liebe zum Detail sich die vorliegende Edition dem Werk Schmidts widmet. Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zeit neben den im Vertag bereits erschienenen Ausgaben mit Werken Franz Schmidts noch weitere in dieser Form vorgelegt werden.

Philipp Pelster

(Singende Kirche 2025, Heft 1)

Bach Fuge F-Dur

Spannend

Der zweite Satz der Sonate in C-Dur für Violine solo, BWV 1005 ist eine Fuge, die sogar die „monumentalsten Orgelfugen“ bei weitem im Umfang übertrifft, so der Komponist im Vorwort. Der thematische Bezug zum Pfingstchoral lässt auch an eine verbindende Aufführung mit einem der bei- den Choralvorspiele aus den Leipziger Chorälen BWV 651, 652 denken. Spieltechnisch eine Herausforderung — an der Violine im Original, aber auch an der Orgel in der vorliegenden Fassung. Eine zweifellose spannende Bearbeitung!

Ines Schüttengruber

Singende Kirche 2025/1

Hummel Allegro

Fröhliche Bereicherung

Wie erfreulich eine Bereicherung für dieses Duo-Repertoire hiermit vorliegen zu haben! Michael Gailit bearbeitet Hummels fröhliche Klaviersonate in Es-Dur, op. 13, eines seiner ersten großen Werke. Im ersten Satz steht das österliche Halleluja im Zentrum, im Seitenthema eine akkordische Struktur, die, so der Herausgeber im Vorwort, an „alpenländische Volksmusik“ erinnert. Der Klavierpart ist reich an Läufen und Virtuosität. Als Quellen dienen der Erstdruck der Klaviersonate von 1803, Bayerische Staatsbibliothek München sowie die Bearbeitung für Klavier und Orgel von Felix Richert, Paris 1864. Kompliment zur sehr ansprechenden Ausgabe, einladend, übersichtlich — unbedingt spielenswert!

Ines Schüttengruber

Singende Kirche 2024/4

Spiritual Preludes

Unbedingt spielenswert

Dem Organisten und Komponisten Michael Gailit sind hier vier Spielstücke gelungen — voll von Ideen, Humor, Witz und Spielfreude. Er vereint dabei Elemente barocker Kompositionen mit dem großen Vorbild der Kompositionen von Johann Sebastian Bach mit Melodien unserer Zeit und Einflüssen aus dem Jazzbereich. Triospiel, Kanon, spielerische Motivik sind wichtige Elemente in den vier Preludes. Originell und unbedingt spielenswert — liturgisch wie auch  konzertant!

Ines Schüttengruber

Singende Kirche 2024/4

Sghertso

So g’hert sich’s!

Das Orgelstück „Sghertso“ schrieb Michael Gailit für Susanne Werpechowski und ihre Teilnahme am Jugendwettbewerb Prima la musica. Pandemiebedingt fand die Uraufführung erst im Mai 2021 in Wien an der Orgel der Jesuitenkirche statt. Wer aus dem Titel ein im Wiener Dialekt ausgesprochenes „Es gehört so“ heraushört, liegt absolut richtig. Die Komposition beginnt mit einer durch Pausen strukturierten Tonrepetition im Pedal und entfaltet sich durch Einbeziehung weiterer Töne zu einem prägnanten Motiv, das mit einer schlichten Melodie kontrapunktiert wird. Blockartig werden immer neue Varianten dieser Zellen und Motive miteinander kombiniert, kontrastreich aneinandergereiht und zu einer improvisierten Kadenz mit notierten Elementen geführt. Im Tutti kehrt die Reprise des Hauptmotivs zum ausgangston zurück. Michael Gailit gelingt ein durchsichtiges, abwechslungsreiches und hervorragend gearbeitetes Stück, das zu Gunsten von raffinierten Spielweisen und klanglichen Effekten auf komplexe rhythmische Strukturen verzichtet. Die Komposition steht ganz in der Tradition heiterer Orgeltoccaten der jüngeren österreichischen Orgelmusik. Ein kurzweiliges Stück: So g’hert sich’s!

Johann Simon Kreuzpointner

Singende Kirche 2024/4